Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 30


Drei Ornithopter standen dort in einer Reihe, aufgebockt, die Flügel angelegt und in Gunnars Augen einer der wunderschönsten Anblicke, die er sich vorstellen konnte.
Tatsächlich war es nicht nur die Technik, dieser Flugmaschinen, die ihn faszinierte. Die Erbauer hatten sich tatsächlich Mühe gegeben, nicht nur etwas Zweckmäßiges zu erschaffen, sondern sie hatten sich auch als Künstler betätigt. Alles war zweckmäßig und doch mit Eleganz aufgeführt. Auf zweien leuchteten die bronzenen Schwünge auf dem schwarzen Untergrund. Der mittlere jedoch schien ganz aus Silber zu bestehen. Selbst die Fenster besaßen einen silbrigen Glanz. Hätte man die äußeren vielleicht mit vornehmen Phaetons verglichen, dann hätte man keinen Vergleich mehr für den mittleren übriggelassen. Um das richtige Maß zu finden, hätte man sie Tauben gleichsetzen müssen, wobei sie gewiss nicht so bauchig und plump aussahen. Aber im Verhältnis zu dem Wanderfalken, der zwischen ihnen stand, fiel Gunnar nichts Anderes ein.
Wäre er nicht so müde gewesen, hätte er vermutlich darauf verzichtet, seine Überlegungen auszusprechen, was wiederum seinen Freunden einiges Augenrollen erspart hätte, welches sie nur überwinden konnten, indem sie sich mindestens fünf Minuten lang über seine Schwärmereien lustig machten. Selbst der Wachtmeister konnte sein Grinsen nicht verbergen. Als sie jedoch endlich bei den Wunderwerken der Technik angelangt waren, mussten selbst sie eingestehen, dass sie, wenn sie gegen jede Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal flogen und man ihnen die Wahl ließ, sie sich definitiv für einen Ornithopter entschieden hätten.
Gunnar begann sofort damit, die Fahrzeuge zu untersuchen. Zuerst lief er nur um sie herum, berührte die Flügel, erfühlte die Gelenke und bog vorsichtig an den Steuerflügeln am Heck herum.
"Ich hätte mich mit Vögeln beschäftigen sollen!" stellte er schließlich fest. "Das ist so viel großartiger als mein zweirädriger Dampfwagen."
"Das kannst du laut sagen."
"In die würde ich auch einsteigen. Aber nicht, wenn du sie gebaut hättest."
"Was soll das denn heißen?"
"Na, denk doch mal nach: Wenn deinem Dampfwagen der Motor abraucht, dann bleibt er stehen."
"Und du kannst nicht behaupten, dass das nicht schon ein paar Mal passiert ist."
"Seit mindestens drei Monaten läuft er einwandfrei."
"Aber wenn’s ein Ornidingsda gewesen wäre, dann wärst du längst tot."
"Dann hätte ich ihn doch ganz anders gebaut."
"Das sagst du jetzt. Warum hast du es dann nicht mit deinem Zweirad gemacht."
"Weil ich da noch am Üben war."
"Und den könntest du einfach so bauen?"
"Ihr versteht das nicht. Ich hätte natürlich erst ein Model gebaut, und erst, wenn es funktioniert hätte, wäre ich zu was Größerem übergegangen."
"Ja, ja. Sicher."
"Natürlich! Ich bin doch nicht lebensmüde." Mit einem Ruck wandte sich Gunnar wieder den Ornithoptern zu, deren Unterseiten er demonstrativ begutachtete. Allerdings war hier nur das Fahrgestell von Interesse, da die meiste Mechanik im oberen Bereich untergebracht war. Trotzdem ließ er sich davon nicht abbringen, auf diese Weise den Augenkontakt mit seinen Freunden zu vermeiden.
Währenddessen begannen sich die anderen zu langweilen, weil nicht viel auf dem Flugfeld zu sehen war, außer ein paar Leuten, die die Luftschiffe befüllten.
"Vielleicht sollten wir einfach an Bord gehen", schlug Malandro deswegen irgendwann vor.
"Du meinst auf das Luftschiff?"
"Ja, dann können wir uns das Mal ankucken."
"Ich würde davon abraten", mischte sich Wintur ein.
"Ach kommen sie. Da sind wir genauso sicher, wie hier."
"Man würde sie nicht einmal auf das Schiff lassen."
"Warum nicht? Wir nehmen einfach 'ne Kiste und beladen."
"Meinst du nich', dass wir ein wenig auffallen?"
"Dann lassen wir den Kram halt hier."
"Hey!" mischte sich jetzt auch Gunnar wieder ein.
"Ich meine deine Erfindungen", verdrehte Malandro die Augen.
"Gemäß den Anweisungen unseres Vorgesetzten", ein kurzes Nicken zu Tiscio, "soll ich sie davon abhalten, irgendwelche - wie er es ausdrückt - Dummheiten zu begehen. Wenn sie auf das Luftschiff gehen, begeben sie sich in direkte Gefahr, und machen gleichzeitig die Verdächtigen darauf aufmerksam, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte."
"Warum soll das zu gefährlich sein? Wir wären genauso gut geschützt, wie hier", leistete Mal noch einmal schwachen Widerstand, wusste aber, dass die Weisung des Vorgesetzten letztlich für Tiscio das Totschlagargument war. Deswegen warf er einen schmollenden Blick in die Runde und stellte fest, dass Gunnar verschwunden war.
"Gunnar?" rief er, was die beiden anderen dazu veranlasste, ihre Aufmerksamkeit vom Feld abzuwenden und ebenfalls nach dem Vierten im Bunde Ausschau zu halten.
"Was?" erklang die Stimme des jungen Erfinders aus dem mittleren Ornithopter.
"Du bist da reingegangen?" drückte Tiscio die allgemeine Verwunderung mit einer unnützen Frage aus.
"Es war offen."
"Kommen sie bitte dort heraus, Herr van der Linden", befahl daraufhin der Wachtmeister, wobei Tiscio einen Anflug von Gereiztheit zu hören meinte.
"Ich dachte, wir könnten uns vielleicht hier verstecken, wenn's hart auf hart kommt."
"Das Gefährt ist das Eigentum einer Privatperson. Ihr Betreten ohne vorherige Zustimmung dieser Person, ist daher Gesetzeswidrig."
Mit einem leisen "Spielverderber" schlappte Gunnar daraufhin wieder aus dem Kunstwerk hervor und gesellte sich zu den anderen in ihrer Langeweile.
"Wie lange noch?"
"Ich glaube, der Gong hat vor einiger Zeit 10 geschlagen."
"Heißt?"
"Vielleicht viertel nach."
Sie schwiegen für ein paar Minuten und starrten auf das weite Feld wo sich die beiden Luftschiffe langsam in den Wind drehten.
"Wie spät ist es jetzt?"
"Später?"
"Sag schon, was schätzt du?"
Ihr Babysitter, der Wachtmeister, zog eine billige Taschenuhr hervor und klappte sie auf: "10 Uhr 25. Sie sollten sich dringend eine eigene Uhr anschaffen, Wachtmeisteranwärter. Bald werden von ihnen zeitgenaue Berichte erwartet werden." Auch wenn ihm seinen Überdruss anmerkte, gelang es ihm immerhin, nicht seine Augenbrauen hochzuziehen oder die Augen zu verdrehen.
Als einzige Reaktion war ein Nicken von Tiscio zu vermerken, bevor sie sich wieder ihren Beobachtungen und der Langeweile hingaben.
Gerade als Malandro sich einen Spaß machen und erneut nach der Uhrzeit fragen wollte, wurde ihre Aufmerksamkeit auf das Hauptgebäude gelenkt, wo eine vornehme Kutsche hielt, Vierspänner mit Wappen, dass sie jedoch nicht erkennen konnten, was Gunnar einen ärgerlichen Ton entlockte.
"Was is' los?"
"Ich hätte ein Fernglas mitnehmen sollen. Wir gehen auf Beobachtung und die wichtigsten Dinge zum Beobachten habe ich nicht dabei!"
"Wir wussten doch gar nicht, dass wir hier auf Horchposten sind."
"Was hast du denn gedacht, was wir hier machen?"
"Na, die Oravahler aufhalten natürlich!"
"Du hängst nicht besonders an deinem Leben, oder?"
"Wie kommst'e denn darauf?"
"Erinnerst du dich daran, wie unsere letzten Kämpfe verlaufen sind?"
"Wir haben auf jeden Fall nicht verloren."
"Ja, weil wir abgehauen sind. Und wenn nicht hatten wir immer Hilfe von Rittern, Bertis oder ..." In diesem Moment wurde Gunnar bewusst, dass sie nicht alleine waren und er wurde puterrot bei dem Blick, den ihm der Metrowächter zuwarf. "'tschuldigung", murmelte er deswegen kleinlaut.
"Auf jeden Fall wäre es getze hilfreich gewesen, was zum kucken zu haben", versuchte sich Tiscio beschwichtigend einzubringen, konnte jedoch nicht verhindern, dass beleidigte Stille einkehrte, die erst unterbrochen wurde, als ein paar Arbeiter mit einem Karren erschienen, um den mittleren Ornithopter Flugbereit zu machen.
"Was macht ihr denn hier?"
Die drei jungen Männer, die nicht einmal bemerkt hatten, dass sich ihnen jemand näherte, fuhren erschrocken zusammen und waren nicht imstande, eine für sie auch nur annähernd vorteilhafte Antwort zu geben. Glücklicherweise kam ihnen Wachtmeister Wintur zur Hilfe, auch wenn er dabei vergaß, dass er keine Uniform trug.
"Wir haben einen Feldtag. Mein junger Kollege und ich zeigen diesen beiden Rekruten, mit welchen Aufgaben sie alles betreut werden können, sobald sie vollwertige Mitglieder der Metrowacht sind."
Der eine Arbeiter warf einen kritischen Blick auf die Geräte, die besonders Tiscio und Gunnar mit sich rumschleppten. "Und der Kram?"
"Neue Hilfsmittel, die der Metrowacht zur Verfügung gestellt wurden, und die wir in diesem Zuge testen."
"Ah, getze, ja", sagte der andere und begann damit, sich an dem Fluggerät zu schaffen zu machen.
"Wir werden uns wieder auf den Weg zurück zur Schiene machen", richtete Wintur sich an seine Schutzbefohlenen und schritt langsam in Richtung der Hallen.

Die Jungen aus der Feldstrasse